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Peter von Campenhausen, 
Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung  „In Tut`s bandages“ in der Galerie des Goethe Instituts, Kairo            
                                                       
In Tut`s bandages


Vor ca 3350 Jahren fiel hier in Ägypten ein Pharao vom Pferd. Mir war diese Tatsache bislang unbekannt – hier in dieser Ausstellung habe ich es erfahren. Und ich muss sagen: Ob ein Pharao vom Pferd fällt oder nicht – wen interessiert das schon?
Nicht wesentlich interessanter ist die Tatsache, dass er sich dabei ein Bein gebrochen hat. Auch nicht, dass er daran gestorben ist. Auch nicht, dass er beigesetzt wurde. Alles das ist so normal und alltäglich, dass es nicht wirklich von Interesse ist.
Wirklich interessant aber ist, dass man das Grab, den Leichnam gefunden hat. Howard Carter entdeckte und öffnete 1922 das Grab des bis dahin völlig belanglosen Pharao Tut Anch Amun. Gold, Gold, Gold – und eine Leiche fand man. Richtig super!
Gewissensbisse haben den guten Carter wohl kaum geplagt, eher Geldnot und Erfolgsdruck. Und wer will schon im Angesicht von so viel Gold meckern: Störung der Grabruhe – Leichenschändung, Missachtung des Todes, mangelnde Ehrfurcht?
Das schöne Gold lies fast alle Stimmen dieser Art schnell verstummen.
Die alten Ägypter hatten das nicht so gewollt. Das Grab sollte nicht gefunden werden, der Leichnam sollte von keinem Lebenden jemals wieder angesehen werden, nicht bis in alle Ewigkeit.
Das ist ein schöner Gedanke, auch ein wichtiger. Er verrät etwas von der Ehrfurcht der alten Ägypter vor dem Tod und dem ewigen Leben.
Er verrät etwas von der Ehrfurcht vor dem Mysterium unserer menschlichen Existenz.
Kurz und gut: der Leichnam sollte nicht wieder angesehen werden. Er sollte auch nicht mehr berührt werden, er sollte absolute Ruhe erhalten und genießen.
Und diese Ruhe galt es zu schützen. Drei wesentliche Maßnahmen sind zu nennen:
Maßnahme 1: Mumifizieren gegen biologische Feinde wie Bakterien und Pilze.
Maßnahme 2: Grab unkenntlich machen und gut verrammeln gegen Grabräuber.
Maßnahme 3: Böse Geister abwehren. Hierzu verwendete man z.B. Amulette. 
Wenn wir etwas über die Amulette in Erfahrung bringen können, erfahren wir vielleicht auch etwas über die Ehrfurcht der alten Ägypter vor dem Geheimnis des Todes und dessen logischer Kehrseite, dem Geheimnis und der Ehrfurcht vor dem Leben.
In den Bandagen der Mumie fand man an unterschiedlichen Körperstellen etwa 150 Amulette.
Mein spezieller Freund ist der Anubis. Die Balsamierer hatten ihn – so ist es in dieser Ausstellung zu erfahren – dem Leichnam auf den Hals gelegt - eine empfindliche Körperstelle.
Der Mythos will es, dass der schakalköpfige Gott der Erfinder der Mumifizierungskunst ist. Er hatte Isis zuliebe die 72 Einzelteile des von Seth zerhackten Osiris wieder zusammengeklebt und -gebunden – und dabei entstand wieder ein (fast) ganzer Osiris. Die geschändete Leiche wird durch das Wiederzusammenfügen lebensfähig für das ewige Leben. Anubis verbürgt dies an der besonders empfindlichen Stelle des Körpers, dem Hals.

Herbert Grimm nähert sich den visuellen Formen der Amulette. Das, was wir nach dem Willen der alten Ägypter gar nicht hätten sehen sollen, schaut er schamlos an. Er prägt sich die Formen ein. Er trägt sie in sich und wenn es an der Zeit ist, spricht er die Formen wieder aus. Jetzt sind es seine Formen, Formen der Jetztzeit, moderne Formen, die ihre Physiognomie durchaus auch verändert haben.
Als ich Herbert Grimm fragte, ob er denn auch einen Anubis gemacht habe, sagte er, das wisse er nicht so genau, es seien eher die Formen gewesen, die ihn interessiert hätten. 
Aber es sind eben verdichtete Formen, symbolhafte Zeichen geworden, die auf einer grundsätzlicheren Ebene genau das selbe sagen, was ihre Vorfahren schon vor tausenden von Jahren gesagt haben: Bewahrt Euch die Ehrfurcht, auch vor den Dingen, die Ihr nicht versteht, zum Beispiel dem Tod!
Diese Zeichen finden wir jetzt in den Bildern wieder.
Herbert Grimm zeigt sie hier in der ersten Reihe zunächst einzeln, in fast statischer Strenge. Die fröhliche Farbigkeit lässt uns diese Strenge aber kaum spüren.
Es wird aber auch schon hier spürbar, dass es nicht um das isolierte Zeichen geht. Im Wechselspiel von Figur und Grund können wir uns fragen: Ist es die Umgebung, die Umwelt, hier im Bild die Fläche, die einen Lebensraum zur Verfügung stellt, in dem die Figur sich entfalten darf?
Oder ist es die Figur, die sich einfach den Platz nimmt, den sie will.
Es ist ein Wechselspiel. So, wie die Umwelt eine Existenz bedingt, prägt eine Existenz zugleich auch die Umwelt. Herbert Grimm sucht nach dem treffenden Verhältnis von Figur und Grund. 
Die Spuren, die auf den Figuren zu sehen sind zeugen immer von großen Bewegungen, die größer sind, als die Figuren selber. Es entsteht der Eindruck, als seien die Figuren Teile viel größerer Zusammenhänge, von denen sie selber nur einen Ausschnitt repräsentieren.
In einer zweiten Reihe finden wir die Figuren auf geteilten Hintergründen. Herbert Grimm verriet mir, dass diese Bögen ursprünglich in Spanien für Architekturbilder entstanden sind. Unsere Amulettzeichen suchen sich hier eine neue Umwelt.
Schließlich kommt Bewegung in die Figuren: Wir sehen Symmetrien und Spiegelungen, Duplizierungen und Selbstbefragungen der Formen.
Und schließlich zum Abschluss: Grimm wirft die Formen großzügig ins Bild und lässt  sie unter Bandagen wieder verschwinden. Das Projekt ist zu seinem Abschluss gekommen. Dies ist ein poetischer Abschluss: Die Amulette mit ihren aufgeworfenen Fragen wandern wieder dorthin, woher sie gekommen sind: unter die Mumienbinden. Gehören sie nicht auch dahin?
Herbert Grimm ist zu dieser spannenden Ausstellung sehr zu gratulieren!

Peter von Campenhausen